Any news are bad news.
30. November 2009
Im Moment gilt: Nahezu alles, was man zum Thema “Umwelt” und “Soziales” hört, ist vom Unterhaltungswert dazu angetan, Depressionen auszulösen. Insofern sind in diesen Tagen “any news bad news”.
Eine davon möchte wir exemplarisch herausgreifen – nicht, um apokalyptische Schreckensvisionen zu zeichnen, sondern weil wir sie aus empirischer Sicht für beachtenswert halten.
Wesentliche Grundlage der Diskussion um Klimawandel und den Umgang damit ist der IPCC-Sachstandsbericht der UN-Klimaforscher. Hier wurde hochoffiziell von allen Spitzenwissenschaftlern der Welt festgestellt: Ja, es gibt einen anthropogenen Klimawandel, zweifellos.

Doch der erste Entwurf des IPCC-Berichts stand schon vor drei Jahren als Entwurf. Wieso mit veralteten Grundlagen arbeiten, dachte man sich – und einige Tage vor dem Beginn der globalen Klimaverhandlungen in Kopenhagen, in denen es um ein weltweites Klima-Regime geht, wurde ein “Update” vorgelegt. ”The Copenhagen Diognosis” heißt der vorgelegte Report, der die bisher bekannten Daten noch einmal kritisch überprüft. Das Ergebnis ist drastisch: Der Klimawandel vollzieht sich sogar noch schneller als erwartet.
Der ursprüngliche IPCC-Bericht sah verschiedene Szenarien vor: Eine Erwärmung um 2°C, um 5°c, um 7°C oder sogar um 10°C. Über die letzten 18 Monate verabschiedete man sich in rasanter Geschwindigkeit von den ersten beiden Zielen – die allein uns ein auskömmliches Leben auf unserem Planeten sichern.
In der “Copenhagen Diagnosis” heißt es nun, dass wir bis 2100 einen Temperaturanstieg um bis zu 7°C erleben könnten – die Folgen hat das IPCC schon beschrieben, und sie sind fatal und reichen in ihrer Dimension an die Gefährdung der menschlichen Rasse heran.
Zeit, die Glaubwürdigkeit der Autoren zu hinterfragen, denkt der geschätzte Leser – doch dazu besteht kein Anlass: Der Bericht wurde ausschließlich von seriösen, international anerkannten Wissenschaftlern verfasst, darunter Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Klima-Chefberater der Bundesregierung (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, WBGU).
Die Leichtigkeit, mit der eine solche Perspektive aufgenommen wird, ist erschreckend: Niemand scheint die vollen Konsequenzen zu erfassen. Das ist nur natürlich – schließlich sind wir nicht alle Klimawissenschaftler. Dass aber laut schallend an der Alarmglocke geläutet wird, ohne dass es beachtet wird, ist fatal. Der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt dazu:
„In den westlichen Ländern hat sich die Aufregung um den Klimawandel vom Jahresanfang 2007, als die drei Berichte des IPCC veröffentlicht wurden, inzwischen gelegt. (…) Die Bürgerinnen und Bürger zeigen Umweltbewusstsein, indem sie nicht mehr mit gutem, sondern mit schlechtem Gewissen Flugzeuge benutzen.“ (Welzer, Harald: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt/Main, 2008)
Wieso aber scheint niemand an die volle Tragweite globaler (Umwelt) Veränderungen zu denken? Günter Anders spricht diesbezüglich von einer regelrechten “Apokalypseblindheit”.
Welzer (s.o.) führt aus, dass es in Gesellschaften mit langen Handlungsketten prinzipiell schwierig sei, die Folgen des eigenen Handels zu überblicken – besonders, wenn (wie beim Klimawandel) Ursache und Auswirkung Jahrzehnte auseinander liegen.
So ergebe sich eine “eingebaute Verantwortungslosigkeit”. Welzer schließt seine Ausführungen so pessimistisch, dass eine Wiedergabe an dieser Stelle nicht geboten scheint. Es bleibt schließlich die Hoffnung, dass das Klima nicht baden geht… Dazu muss es jetzt aber losgehen. Die erste Chance ist schon verspielt. In Kopenhagen steht nicht das Überleben der Menschheit auf dem Spiel, aber doch, wie wir überleben werden und wie viele von uns.
Mit jeder Minute, die wir später handeln, verurteilen wir große Teile der Welt zu einem sicheren Tod, und große Teile des Rests zu einem trostlosen Dasein.
Die Staatenlenker müssen handeln, aber wir müssen es auch. Das Wasser steht uns schon bis zum Hals – nur merken wir es nicht.
Entry Filed under: Hintergrundartikel, Klimawandel. Schlagwörter: globale Erwärmung, Hintergrund, IPCC, Klima, Klimawandel, Kopenhagen, tcktcktck, Welzer.



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