kn = k0 (1+p/100)n
15. November 2009 at 13:56 4 Kommentare
Der Kontoauszug meines Tagesgeldkontos hat mir noch vor (gefühlt) gar nicht so langer Zeit Zinsen in Höhe von über drei Prozent versprochen. Aktienfonds warben zur gleichen Zeit mit einer langfristigen Rendite, die bisweilen im zweistelligen Bereich liegen sollte. 
Traumhaft! Während man sich selbst auf einer Südseeinsel die Sonne auf den Bauch scheinen lässt, arbeitet das eigene Geld und vermehrt sich rasant, ohne dass der Besitzer einen Finger krümmt – dieses Versprechen macht der Zins-Dämon. Hinterfragt wird das selten: Schon so landet bei den meisten zu wenig Geld auf dem Konto, da beschwert man sich nicht über die Centbeträge, die als „Zins“ vom mageren Ersparten abfallen. Und wer viel Geld hat, beschwert sich ohnehin nicht.
Doch nimmt man sich einmal die Zeit, genauer auf dieses wirtschaftliche Phänomen zu blicken, scheint die nützliche Fassade abzubröckeln und einen selbstzerstörerisches Moment der Wirtschaft zu offenbaren.
Die Wirtschaft ist dieser Tage – systembedingt und absolut gewollt – die treibende Kraft hinter allen Veränderungen, die Menschen vornehmen. Denn in den wenigsten Fällen tun wir irgendetwas, ohne anschließend kurz- oderlangfristig davon zu profitieren. Ökonomen bezeichnen das als „Sanktionssystem“ der Wirtschaft, das mit für die Koordination des freien Marktes sorgt.
Damit sind wir wieder bei den Zinsen: Wer sein Geld nicht ausgibt, legt es in der Regel bei Banken an. Der Grund, warum man den Sparstrumpf nicht einfach unter der Matratze versteckt, ist einfach: Denn Banken zahlen in der Regel eine „Belohnung“ für das ihnen überlassende Kapital – nämlich Zinsen.
Das so eingenommene Geld verleihen die Banken nun weiter – und kassieren dafür ihrerseits Zinsen.
Das Problem beginnt, sobald man einen Blick auf die langfristige Perspektive wirft. Werden nach einem Jahr dem angelegten Kapital die Zinsen zugeschlagen und mitverzinst, entsteht im darauf folgenden Jahr der Zinseszins.
„Mit Zins und Zinseszins verdoppeln sich Geldvermögen in regelmäßigen Zeitabständen. Je höher der Zinssatz, umso schneller verdoppelt sich das verzinste Geld: bei 1 Prozent ca. alle 72 Jahre, bei 3 Prozent alle 24 Jahre, bei 6 Prozent alle 12 Jahre, bei 12 Prozent alle 6 Jahre. Diese Form des Wachstums findet sich in der Natur beim „Krebsgeschwür“. Es frisst den Wirt und tötet damit sich selbst.“ (Quelle: hier)
Geld arbeitet nicht, es kann sich nicht vermehren. Zur Wertschöpfung gibt es bislang eigentlich nur zwei bekannte Methoden: Arbeitsleistung durch Menschen, und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.
Beides ist problematisch: Wertschöpfung durch Arbeit führt in der Regel zu einer Umverteilung von arm zu reich: Die Reichen können ihr Kapital anlegen und entspannen (Stichwort Südseeinsel), während die weniger Begünstigten quasi den Zins für die Reichen miterarbeiten müssen.
Die Ausbeutung natürlicher Ressourcen kann ebenfalls kein dauerhafter Weg zur Wertschöpfung sein: Denn die Erde ist kein Warenhaus, das unendlich Güter zur Mehrung des menschlichen Wohlstands bereithält, im Gegenteil, unsere Ressourcen sind knapp bemessen.
„Zins und Zinseszins lassen Geldvermögen wachsen und setzen die Wirtschaft unter einen Wachstumszwang. Das verleitet zu unmoralischen Geschäften“,
sagen Kritiker daher über das Zinssystem. Und sie haben noch einen weiteren wesentlichen Kritikpunkt:
„Es gibt schon längst keinen physikalischen Gegenwert auf der Welt mehr für das Geld“,
sagt Prof. Dr. Kremer, ein süddeutscher Mathematikprofessor, der sich schon seit längerem mit der Thematik befasst. Bildhaft dargestellt wird das durch die Anekdote des „Josefspfennigs“: Legte man zur Zeit Jesu den Gegenwert von 1 Mark zu 1% Zins p.a. an, so wäre daraus durch Zins und Zinseszins bis heute ein so großer Wert erwachsen, dass man damit eine Goldmenge kaufen könnte, die größer als die Erdkugel ist.
Spätestens hier wird deutlich: Das Zinssystem hat einen gewaltigen Haken, und eines der grundlegenden Paradigmen unseres Wirtschaftsmodells ist nicht zukunftsfest.
Was also tun?
Für fanatische Kapitalismus-Gegner gibt es nur eine Lösung: Revolution, Umsturz, Weg mit dem System.
Realistisch ist das nicht. Wir brauchen die Möglichkeit, uns auch mal Geld leihen zu können. Nur so können Innovationen entstehen und Täler überwunden werden. Hätte niemand Thomas Eddison Geld geliehen, hätte er nie die Erfindung der Glühbirne machen können. Auch heute sind wir Entrepreneure angewiesen, die Zukunfts-Technologie entwickeln. Aber die Finanzwirtschaft muss von einem der am wenigsten regulierten Sektoren zu einem hochgradig Kontrollierten werden. Volatile Schwankungen der Weltwirtschaft können durch eine fortentwickelte Tobin-Tax und eine Deckelung von Zinssätzen – z.B. auf 7% – erfolgen.
Dabei ist jede Festlegung willkürlich – aber je niedriger sie ist, desto besser. Es könnte uns einmal das Genick retten.
Die Überschrift dieses Posts ist übrigens die Zinseszinsformel in Klarschrift.
Eintrag abgelegt unter Hintergrundartikel. Tags: Banken, Bankenkreislauf, freier Markt, Geld, Kapital, Kapitalismus, Rendite, Vermögen, Wirtschaft, Zins, Zinsen, Zinseszins.
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1.
Nick | 15. November 2009 um 21:57
Interessanter Aspekt… Zum Thema „Rendite“ muss man aber auch noch andere hochökonomische Berechnungen anstellen…:
Wer vor 18 Monaten 1.158,48 Euro in die Aktien der Commerzbank investiert hat, musste sich 18 Monate lang über fallende Kurse ärgern und hat heute noch 215,28 Euro übrig.
Wer vor 18 Monaten 1.158,48 Euro in [große deutsche Biermarke, bekannt durch Umwelt-Wereaktionen]- Bier investiert hat, konnte:
- 18 Monate lang jede Woche einen Kasten herrliches Pils genießen
- war ständig heiter
- hatte viel Spaß
- hat den Regenwald gerettet
- und hat heute noch Leergut im Wert 223,20 Euro !!!!!!!!!
*PROST
2.
greensocial | 15. November 2009 um 22:00
Hast Du Recht… ;) Ich glaube, ich muss den Artikel nochmal überarbeiten :P
3.
Philipp | 16. November 2009 um 14:32
Es handelt sich bei der Formel übrigens nur um die Zinsformel, die keinen Zinseszins beachtet. Beziehungsweise du müsstest irgendwie Buchstaben hoch- und tiefstellen können, da das in diesem Fall sehr verwirrend ist. So wäre der Titel in meinen Augen richtig:
Kn=K0*(1+p/100)n.
Mit den Variablen Kn, das Kapital nach n Jahren, K0, das Startkapital, p, der Zinssatz in Prozent und n die Anzahl der Jahre.
4.
Philipp | 16. November 2009 um 14:35
Ok, da die entspechenden HTML Befehle für hoch- und tiefstellen hier nicht funktionieren sieht meine Formel jetzt natürlich genau so aus, wie der Eintragstitel…
(und der Zinssatz ist natürlich in Prozent p.a. bzw. pro Jahr)