Klimakiller Urlaubsflug – Lösung naht?
1. September 2009
Im vergangenen Sommer habe ich zwei Flugreisen gemacht. Dafür habe ich auch ausreichend schlechtes Gewissen – bin ich doch selbst jemand, der solche Auswüchse des Wohlstands gerne lautstark an den Pranger stellt.
Zwar war die Benutzung des Flugzeugs auch relativ konkurrenzlos, zumal in der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Wer von Berlin nach London reisen möchte, kann dafür prinzipiell alle Arten der gegenwärtigen genutzten Mobilität verwenden: Er kann per Auto, Bahn, Schiff oder Fahrrad nach London kommen, er kann auch wandern, sich beamen – oder fliegen. Mit Ausnahme vielleicht der technologisch bislang unausgreiften Beam-Methode verursacht jeder Transport Emissionen. Da von der absoluten Mehrzahl der London-Besucher angenommen werden kann, dass sie nicht Wochen für die Anreise einplanen, scheiden auch die manuellen Transportmittel aus. Selbst mit dem Auto ist man doch recht langsam unterwegs, muss man doch auf Fähre oder Eurotunnel zurückgreifen.
Will man also nach London, empfähle sich dem klimabewussten Reisenden also die Bahn. Kein Problem, denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Doch komfortabel ist anderes: Der Online-Fahrplan der deutschen Bahn veranschlagt durchschnittlich 13 Stunden für die Reise vom Berliner Hauptbahnhof nach London Victoria Station – und auch mit BahnCard-Rabatt muss der Reisende tief in die Tasche greifen und in der Regel mehr als 300€ auf den Tisch legen.
Entscheidet man sich jedoch für das Flugzeug, ist es kein Problem, selbst mit der renommierten Lufthanse für knapp 100€ innerhalb nur wenig mehr als einer Stunde die Metropolen zu wechseln.
Bequemer, schneller, günstiger – das Flugzeug bootet die Bahn-Konkurrenz zu häufig aus. Das ist eine Schande, denn die Umweltbilanz des Fliegens ist verheerend.
Lange Jahre wurde auf die falsche Mobilität gesetzt. Statt in Hochgeschwindigkeits-Bahnnetze zu investieren, sahen alle die Zukunft im Flugzeug.
Schön und gut – wäre da nicht dieses Problem mit dem Klimawandel. Man muss gar nicht zu wissenschaftlich werden, um sich die Folgen scheinbar unbeschwerter Flugreisen vor Augen zu führen. Wie in der Abbildung rechts deutlich wird, erreichen die Emissionen von zwei innereuropäischen Kurzstreckenflügen (Beispiel Hamburg-Paris, Hamburg-London) zusammen mit der C02-“Grundbelastung“, die ein deutscher Bürger ohnehin hat, fast die verträgliche Emissionsquote. Und dabei sind direkte und indirekte Emissionen durch Autofahren, Nahrung, Konsumgüter, Heizen, Kochen, Waschen, Stromverbrauch etc. nicht einmal einbezogen.
Die rechte Säule ist die deutsche Durchschnitts-C02-Emission, aufgeteilt nach Konsum, Ernährung, Mobilität, Zuhause und „öffentlichem Konsum“ – das ist die Grundbelastung, von der wir oben sprachen (also alle Emissionen des Landes, die nach Abzug von Privatkonsum übrig bleiben, umgelegt auf die ca. 80 Mio. Einwohner). Dieser „ökologische Fußabdruck“ eines Deutschen ist ohnehin zu hoch und liegt mit knapp 11t C02 p.a. deutlich über der verträglichen Quote von 2,2t C02 pro Jahr. Würden alle Erdbewohner so leben, wie der hier rechts abgebildete Bürger, bräuchten wir 4,4 Planeten.
Um weiter ein gutes Klimabewusstsein zu haben, müsste also der Passagier der zwei Kurzstrecken-Flüge für den Rest des Jahres jegliches Essen, Atmen, Bewegen einstellen. Geht nicht, ist klar. Einen Weg können klimabewusste Passagiere neuerdings trotzdem beschreiten: C02-Kompensation.
Organisationen wie Atmosfair oder MyClimate bieten sogenannte Kompensationen an. Der Klimasünder berechnet seinen Ausstoß, und bezahlt einen Beitrag, der in Klimaschutz-Projekte investiert wird – und genau die Menge des emittierten Treibhausgases wieder einspart.
„Ablasshandel“ krakeelen Kritiker wie in der taz gleich – und ganz unrecht haben sie wohl nicht. Dass liegt nicht am Prinzip, auch wenn die Annahme, alles emittierte C02 anderswo „sparen“ zu können, recht blauäugig erscheint. Und gefürchtet wird, dass nun nur „kompensiert“ wird, statt wirklich etwas am umweltschädlichen Verhalten zu ändern. Doch wesentlich ist vielmehr: Bislang gibt es, auch wegen der zu laxen Handhabe der EU, keine effektive Zertifizierung der C02-Händler. Noch kann sich jeder hinstellen, und eine Tonne C02 verkaufen, wie er will.
Das wird sich jedoch mit der schrittweisen Intensivierung der Versteigerung von Emissionsrechten in der EU ändern. Dann darf nur noch emittieren, wer auch bezahlt – aus einer bisher kostenlosen Dienstleistung, nämlich Müllentsorgung in der Atmosphäre, werden plötzlich Kosten. Die sind betriebswirtschaftlich greifbar („externe“ Kosten wurden so „internalisiert“), und sollen so die Emittenten anregen, den Ausstoß zu verringern, um Geld zu sparen. Außerdem soll die Menge der Emissionsrechte immer weiter verringert werden – so dass die Ware knapper wird und damit der C02-Ausstoß teurer (und weniger lohnenswert).
Ein gutes System, das sich ganz die marktwirtschaftlichen Automatismen zunutze macht – nur müsste es auch ordentlich und vor allem schnell umgesetzt werden. Denn: uns läuft die Zeit davon. So schnell wie möglich müssten Politiker jedes umweltschädliche Verhalten mit Preisen überziehen und damit unrentabel machen. Doch der Kampf gegen die Windmühlenflügel der Lobby ist ermüdend und langsam – und so müssen wir wohl zunächst noch selbst tätig werden: Klimafreundlich leben, so gut es geht, Emissionen sparen. Und wenn dann doch mal ein Flug anfällt, Emissionen kompensieren… Besser als gar nichts! Habe ich auch gemacht.
Entry Filed under: Hintergrundartikel, Klimawandel. Schlagworte: atmosfair, Ökologischer Fußabdruck, Bahn, CO2, Emissionen, Flugzeug, Klimakiller, Klimawandel, Kompensation, Mobilität, Treibhausgas.



Trackback this post | Subscribe to the comments via RSS Feed