Beziehungskrise: Wirtschaft & Umwelt

3. November 2008 at 22:12 4 Kommentare

Die Welt schlittert in eine Krise. Das tut sie zwar häufig, wenn nicht gar ständig – glaubt man den Medien. Doch dass wir global nun in der Tat eine schwierige Situation vorliegen haben, verkommt in diesen Tagen zum Gemeinplatz.

Eine gute Gelegenheit, sich einmal wesentliche Aspekte der Verknüpfung unserer Systeme anzusehen: Wirtschaft, Umwelt und Politik hängen eng zusammen.

Aber beginnen wir – von ganz vorne. Das heißt, beginnen wir vor einigen Jahren. Denn für die drei Handlungsstränge, denen wir nun folgen möchten, sind zunächst diese Jahre von Belang. Das erste Ereignis ist ein sich klar abzeichnender Klimawandel.
Im Jahr 2007 legte das IPCC, der UN-Klimaauschuss, einen Bericht vor. Erstmals wurde hier unumstritten, klar und deutlich ausgesagt, dass die Welt einem antrophogenen (=menschengemachten) Klimawandel unterliegt. War bislang noch eine immense Kontroverse um die Frage, ob es a) einen Klimawandel gebe und ob er b) vom Menschen verursacht sein, so war dies nun kein Streitpunkt mehr.
Diesen – erst seit 2007 – wirklich gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, einem gesteigerten politischen Engagement vor allem linker Gruppen (als bekannte Protagonisten bei uns in Deutschland dürften u.A. Greenpeace, B90/Grüne, SPD, aber auch der US-Demokrat Al Gore stehen) und einer geänderten öffentlichen Wahrnehmung ist es zu verdanken, dass Klimawandel mehr als ein Jahr unangefochtenes Leitmotiv von Medien, Literatur, Intellektuellen und öffentlichem Diskurs war. Nie wurden mehr Bücher über Umweltschutz allgemein und den Klimawandel im besonderen veröffentlicht als in diesen knapp zwei Jahren.

Der Einsatz gegen den Klimawandel wurde immer mehr als gesellschaftliche Aufgabe anerkannt. Sigmar Gabriel (SPD), als Bundesumweltminister notwendigerweise auch ein Protagonist des deutschen Klima-Engagements, fasst diese Einstellung in einem Satz zusammen:

„Wir sind reich genug, uns Klimaschutz zu leisten –  und zu arm, um darauf zu verzichten!“

Die fatalen Auswirkungen des Klimawandels, wie wir ihn heute erleben, zeigen sich u.A. im angesprochenen IPCC-Bericht 2007 [hier Überblick über die Publikationen]. Auf die ethische Dimension, die Klimawandel zweifelsfrei besitzt, gehen wir hier ein.

Doch im Spätsommer 2008 ereignet sich, was später als für dieses Jahr wesentlichstes Ereignis erkannt werden wird: Die Finanzkrise, die schon seit 2007 in den USA wütet, greift vollends auf die globalen Finanzmärkte über.
Und mehr noch: Sie beendet mit der Gewalt, mit der sie sich über die gesamte Welt entlädt, eine Phase des Aufschwungs. Bei uns in Deutschland war sie eher vorsichtig und schwindet vollkommen, in asiatischen Boomregionen war sie intensiv und mächtig und wird zunächst nur abgeschwächt.
Doch zwei Dinge lassen sich charakteristisch feststellen:  Zunächst einmal sind wir – wie so häufig – natürlich selbst schuld. Eine Krise war unvermeidlich, sogar systemimmanent. Sowohl in den USA, wie auch in Europa und der gesamten Finanzwelt lagen faule Kredite und falsche Rechnungen herum. Das bricht nun alles hervor.

Und zum anderen lässt sich eine Feststellung treffen, die viel beunruhigender ist:

Umweltschutz ist meist zweite Priorität, nach wirtschaftlichem Wachstum.

Das lässt sich besonders gut beobachten bei Entwicklungs- und Schwellenländern. Als Beispiel sei die diktatorische VR China genannt: Dort geht jede Woche ein Kohlekraftwerk ans Netz, statistisch. Das geschieht, weil Kohle billig ist und man zunächst wachsen will. (Erst) ab einem bestimmten Wohlstandsniveau wird erfahrungsgemäß auch Umweltschutz zu einem gesellschaftlichen Interesse.

Deutschland war schon weit – wir hatten prinzipiell unsere erste Priorität auf Nachhaltigkeit ausgerichtet – ein verträgliches Wachstum, das Umwelt und Wirtschaft vereint. Doch nun könnte die Gefahr bestehen, in wirtschaftliche Verbelendung zurückzufallen. Bankenbilanzen first, scheint das Motto zu sein.

Finanzkrise und Klimawandel haben Gemeinsamkeiten.

Wirtschaften auf Pump führt in den Finanzcrash. Das Überziehen unseres ökologischen Kontos, führt hingegen in den Klimawandel. Anders als die Finanzprobleme lässt sich der Klimawandel aber auch mit Milliarden Euro nicht rückgängig machen, überlegen BUND-Vorstand und Evangelische Kirchedieser Tage gemeinsam.

Es ist richtig, gerade jetzt über Klimaschutz zu reden, wo alle nur über die Wirtschaftskrise reden. Dringende finanzielle Probleme dürfen die wichtigsten ökologischen Probleme der Zeit nicht verdrängen.

Das ist richtig, und wichtig erst recht. Denn soziale Wohlfahrt kann nicht auf Kosten der Umwelt erreicht werden, im Gegenteil: Soziales und Ökologisches bedingen sich gegenseitig.
Daher ist es wichtig, in diesen Tagen auch vor dem Hintergrund der Medienberichterstattung eigene Prioritäten zu setzen. Und das kann nicht heißen, Wirtschaft vor Umwelt.

Wirtschaft und Umwelt müssen gleichberechtigt nebeneinander gepflegt und geschützt werden. Es gibt sie nur als Einheit.

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