Machtpolitik im Kaukasus – Energiestrategie Georgien
14. August 2008 at 12:04 4 Kommentare
Erklärterweise wollen wir in diesem Blog regelnäßig anhand aktueller Themen Hintergründe erläutern. Der aktuelle Konflikt im Kaukasus bietet dazu eine gute Möglichkeit.
Schon vor gut einem Monat haben wir in einem Post über den Zusammenhang von langfristigen Strategien zur Sicherung der Energieversorgung und globale Sicherheitspolitik gesprochen. Zuvor hatten wir festgestellt, dass Öl und unsere Gesellschaft ein „explosives Gemisch“ sind: Durch die massive Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, besonders Öl, würde die plötzliche Abwesenheit dieser Stoffe zu einer enormen Krise führen. Umgekehrt ist es Staaten gerade wegen der Bedeutung des Öls ein wichtiges Anliegen, sich den Zugang zu sichern. Je angespannter die Lage ist, desto höher scheint auch die Wahrscheinlichkeit, dass Staaten imperialistische Mittel anwenden, um sich diesen Zugang zu sichern: Das kann auch bis hin zu militärischen Maßnahmen reichen.
Wie auch immer man zum Russland/Georgie-Krieg steht, ist für die Betrachtung dieser Aspekte ersteinmal irrelevant. Auch Tatsachen wie die, dass auf russischer Seite der Premierminister Putin und nicht etwa der Präsident agiert, fallen zwar deutlich ins Auge, sind aber nicht unbedingt von Bedeutung.
Georgien ist Russland militärisch wie auch in anderen Bereichen heftig unterlegen, hoffte aber von Beginn an auf Unterstützung des Westens.
Damit manifestiert sich in diesem Konflikt erneut ein „Clash of Civilisations“ zwischen Osten und Westen, zwischen der lange Zeit verhinderten Supermacht Russland und dem Westen, versammelt unter dem Banner der NATO. Beide Parteien haben mehr als nur die oberflächlichen Interessen:
Den USA ist es zwar nicht eben egal, aber doch weniger wichtig, ob das Staatsgebiet Georgiens größer oder kleiner ist. Und die Russische Föderation gab zwar an, nur die eigenen Staatsbürger in Südossetien schützen zu wollen, hat aber auch weitergehende Interessen: Denn zumal Russland im eigenen Staat Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen brutal unterdrückt (Stichwort Tschetschenien), erscheint es fragwürdig, die Autonomie einer Region mit nicht einmal 200.000 Einwohnern (Abchasien bzw. Südossetien) so rabiat zu verteidigen – besonders, da das UNHRC (UN-Flüchtlingshochkommissariat) meldet, dass nun 100.000 Menschen auf der Flucht seien.
Lange Zeit nur gemunkelt, bestätigen nun zunehmend auch Experten, dass Energiepolitik im aktuellen Konflikt eine Rolle gespielt habe.
„Russlands Bombenziele in Georgien haben symbolische und strategische Bedeutung. Außer Stalins Geburtsstadt Gori und dem Militärstützpunkt in Sinaki griff die russische Luftwaffe auch den wohl wichtigsten Teil von Georgiens Infrastruktur an: die Öl-Pipelines“,
schreibt die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift „Energie-Interessen des Westens im Visier„. Georgien hat eine „überragende Bedeutung beim Öl-Transit“, weiß auch die Tagesschau. Auch die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb online unlängst über „Russlands Griff nach den Energiereserven„.
Fakt ist: drei wichtige Pipelines führen direkt durch Georgien. Eine vom Kaspischen zum Schwarzen Meer (Baku-Supsa), eine vom Kaspischen Meer (Baku) nach Ceyhan am Mittelmeer (BTC-Pipeline), und eine weitere ebenfalls von Baku in Richtung Mitteleuropa. Alle drei Leitungen beginnen in Aserbaidschan, und führen durch Georgien in die Turkei und von dort aus weiter Richtung Abnehmer in Westeuropa.
Schon nächstes Jahr soll die BTC-Pipeline allein eine Million Barrel pro Tag Richtung Westeuropa pumpen. Georgien erhält dadurch Transitgebühren – in Form von wichtigen Devisen.
Diese drei Versorgungsleitungen sind die einzigen Pipelines, die von den Ölquellen im Bereich des Kaspischen Meeres nicht über Russland führen.
Mit den russischen Attacken auf die Leitungen soll möglicherweise zweierlei erreicht werden: Zum einen das russische (Fast-)Monopol auf Öltransport stärken, zum anderen dem Westen seine Verwundbarkeit in Sachen Öl aufzeigen.
Das zeigt Effekt: Der Ölpreis schnellte prompt nach oben, die Broker äußerten überdeutlich ihre Sorge vor Öl-Lieferengpässen und bezahlten mehr Geld für das Fass Öl.
Die russiche Zerstörung des Hafens Poti, von wo aus normalerweise Öl verschifft wird, hindert Georgien am gewohnten Öltransport – und hatte abermals Auswirkungen auf den Preis.
Russland hatte den Bau der Pipelines, die unter Umgehung des ehemaligen Zarenreichs nach Mitteleuropa führen, schon von Anfang an mit Misstrauen und Protest beäugt. Und die Vorstellung, dass die vier Milliarden Dollar teure Georgien-Pipeline, an der unter anderem der US-Konzern Chevron beteiligt ist, jetzt in die Hände Russlands fallen könnte, ist für die US-Regierung ein Alptraum. Denn Georgien ist die entscheidende Transitstation Richtung Kaspisches Meer. Und die dortigen Ölvorkommen – mit geschätzten 40 Milliarden Barrel die drittgrößten der Welt – sind aus US-Sicht von überragender strategischer Bedeutung, weil sie weder von den unberechenbaren OPEC-Staaten noch von Russland kontrolliert werden.
Sowohl „der Westen“ – hier in einer eigentlich unzulässigen Verallgemeinerung zusammengefasst – wie auch Russland haben ein massives Interesse daran, die Quellen fossiler Energieträger unter ihre Kontrolle zu bringen. Und in der Tat, zeigt dieser Konflikt, beginnt schon jetzt der – wenn auch eher subversive – bewaffnete Kampf um die Ressourcen.
Das sollte man sich vor Augen führen: Es wird wohl in der unmittelbaren Zukunft kaum dazu kommen, dass offen um Ölvorkommen gestritten wird. Aber so und nicht anders sehen die Konflikte aus, die uns der globale Kampf um Energiesicherheit bringen wird.
Wenn es erst zum Ausbruch offener Kriege um Öl, Gas und Wasser kommt, ist schon vieles verloren. Denn was uns diese Vorkommnisse zeigen sollten, ist klar:
Es ist höchste Zeit für die Abkehr von fossilen Brennstoffen, aus ökologischen, sozialen, moralischen, politischen, sicherheitsrelavanten und ökonomischen Gründen.
Zum Weiterlesen:
- über die Nato-Energiesicherheitspolitik (green.social)
- Artikel der Süddeutschen Zeitung
- Artikel der WELT
- Infos bei tagesschau.de
- Was kommt nach dem Öl? Alternativen für die Zukunft (green.social)
- Grundlagen der Misere: Öl und Gesellschaft (green.social)
- aktuelle Zusatzinfos der bpb
Edit: Auch auf die aktuellen Entwicklungen sollte man ein Auge behalten. Das Thema bleibt auf der geopolitischen Tagesordnung ganz weit oben.
Eintrag abgelegt unter Hintergrundartikel, Kurzeintrag/Aktuelles. Tags: Öl, Ölpreis, Europa, fossile Energien, Geopolitik, Georgien, Kaukasus, Krieg, Russland.
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1.
HUgo | 14. August 2008 um 15:00
Da ist was dran. Guter Blogartikel, Informationen fein säuberlich zusammengetragen, vermittelt guten Überblick & Hintergrundinfos.
Endlich mal ein kompetenter, nicht-NGO-gepowerter Blog… Sonst gibt die Blogosphäre ja z.T. doch eher wenig her.
2.
Anne M. | 14. August 2008 um 18:26
Robert Kagan, u.A. McCain-Berater, sagt dazu:
„Der russische Angriff auf souveränes georgisches Territorium bezeichnet die offizielle Rückkehr der Geschichte zu einem Wettkampf großer Mächte fast im Stil des 19. Jahrhunderts, voller nachdrücklicher Nationalismen, Schlachten um Ressourcen (!), Kämpfen um Einflusssphären und sogar mit dem Einsatz militärischer Macht zum Erreichen geopolitischer Ziele – so sehr das unsere Empfindlichkeiten aus dem 21. Jhd erschüttern mag“.
Das passt ganz gut dazu… Zumal er diesen Krieg nicht als assymetrischen Krieg bewertet (wie Afghanistan oder Irak das z.T. sind), sondern vielmehr als „konservativen“ Krieg: Es geht, ganz schlicht, um Ressourcen und Macht. Stimmt doch, oder?
3.
greensocial | 20. August 2008 um 12:36
Vielen Dank für Euer Feedback! :)
Das Thema ist brisant, und es lohnt sich, es zu verfolgen. Gerade gestern hat die EU den Ton verschärft und auch die NATO hat den NATO-Russland-Rat ausgesetzt.
Werden die Beziehungen nachhaltig schlechter, so ist die nähere Umgebung Russlands aktiv bedroht.
Wir bleiben dran an dem Thema, und wenden uns demnächst zuerst wieder den restlichen Aspekten von Öl, Umwelt, Wirtschaft zu.
4.
Öl, Gas und Energie - im Fokus des Interesses « | 1. September 2008 um 18:26
[...] implizit angedrohte Lieferstopp hängt aber direkt mit dem sich verschärfenden Kaukasus-Konflikt (vgl. hier) und möglichen EU-Sanktionen gegen Russland zusammen. Träten aber Lieferungskürzungen oder sogar [...]