Öl und Wirtschaft – Dreamteam ohne Zukunft
24. Juni 2008 at 18:35 5 Kommentare
Das heutige Thema ist hochaktuell: An den Zapfsäulen steigen die Preise, die OPEC-Ölförderländer werfen ein bisschen Öl auf den Markt – ein Tropfen auf den heißen Preis – und in den letzten Jahren ist der Energiepreis nirgends mehr gefallen.
Öl ist der zentrale Schmierstoff unserer Weltwirtschaft und die wichtigste globale Ressource. Würde uns augenblicklich das Öl ausgehen, bedeutete das den Zusammenbruch des industriewirtschaftlichen Systems. Die ganze Welt wäre aufgeschmissen – das zeigt auch ein Blick ins Geschichtsbuch: Die erste Ölkrise 1973, verursacht durch einen Lieferboykott der arabischen Ölförderstaaten löste eine weltweite Stagnation der Wirtschaft aus. Im folgenden Jahr `74 kam es in Deutschland gar zu einem Nullwachstum (siehe: Wirtschaftswachstum).
Öl prägt den Lebensstil der westlichen Welt wie kein zweiter Rohstoff; es wird nicht nur in Auto- und Schiffsmotoren, Flugzeugturbinen, Generatoren verbrannt, man gewinnt auch ganz herkömmliche Heizenergie oder Strom daraus und verarbeitet es zum Beispiel in Kunststoffen.
Wegen dieser immensen Bedeutung des Öls spielte es seit Beginn der Industrialisierung schon immer eine zentrale Rolle in geopolitischen Strategien. Das läuft dabei so: Wer in der Weltpolitik ohnehin Macht hat, reißt sich den Zugang zu billigem Öl durch geschicktes Taktieren unter den Nagel, und stärkt damit die eigene Wirtschaft – gewinnt also noch mehr Macht. Und dass um Öl auch Kriege geführt werden, ist mehr ein Allgemeinplatz als eine gewagte These. Die USA sind das perfekte Beispiel nur ein Beispiel von vielen. Was die NATO nämlich in ihrem aktuellen Strategikonzept schreibt, liest sich so:
„Sicherheitsinteressen des Bündnisses können von anderen Risiken umfassender Natur berührt werden, einschließlich (…) der Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen“ (NATO). – Oder, im Klartext: Zur Not greift die NATO zu militärischen Mitteln, um ihre Ölzufuhr zu sichern.
Eins muss noch betont werden – wenn vom „Versiegen des Öls“ die Rede ist, so ist das der Extremfall. Ob und wann er eintreten wird, darum geht`s gleich. Aber wirtschaftspolitisch gesehen ist es scheißegal irrelevant, wie groß die potentiellen Ölreserven noch sind. Das einzige, was für profitorientierte, kurzfristig denkende Konzerne ebenso wie für ganze Staaten und die internationale Gemeinschaft von Belang ist, ist der Zugang zu günstigem Öl.
Wir haben festgestellt, unsere Gesellschaft als „technische Zivilisation“ ist unabdingbar auf Energie angewiesen. Die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft ist momentan eine Frage der verfügbaren Energie und vor allem ihres Preises und des Aufwands, den man für ihre Gewinnung betreiben muss.
Wegen dieser Bedeutung des Rohstoffs Öl, des ultimativen Energieträgers der Weltgemeinschaft, steigt der Bedarf immer weiter an.
Und zunehmend beanspruchen auch Entwicklungs- und Schwellenländer einen größeren Anteil vom Kuchen. Das kann ihnen keiner verwehren – doch es führt zu einem weiteren immensen Anstieg der Nachfrage nach Öl.
Doch nicht nur wegen seiner Unentbehrlichkeit ist das Öl mit ein zentraler Faktor der Weltwirtschaft: Sondern auch deswegen, weil es knapp wird. Einige Experten sagen, der Höhepunkt der globalen Ölförderung sei 2002 gewesen. Aber selbst die Optimistischeren unter ihnen vermuten den Höhepunkt der Förderung zwischen 2008 und 2015 – also schon verdammt bald. Danach wird das Öl nicht sofort versiegen, aber die geförderte Menge nimmt stetig ab.
Einige wichtige Förderländer haben ihr Produktionsmaximum bereits überschritten: Die USA (1970), Russland (1988), Norwegen, Russland, Venezuela (2002), und weitere. Sie alle pumpen jedes Jahr weniger Öl aus der Erde und heute schon nur noch 60% ihrer Maximalproduktion. Mehr als die Hälfte allen Öls, das die Welt je gehabt hat, wurde nun schon unwiederruflich gefördert. Und die Ausbeutung der zweiten Hälfte wird schwieriger – wie beim Löffeln eines Jogurts: Am Ende muss man den Rest aus den Ecken kratzen, während man zuerst noch ganz locker löffeln konnte.
Das Ende des Ölzeitalters steht bevor. Nicht als ferne Horrorvision, auch nicht jeden Moment. Aber aufgrund des niedrigen Preises und der konstanten Sicherung des Nachschubs an Öl wurde auf der ganzen Welt eine Infrastruktur aufgebaut, die vollkommen davon abhängt.
Das ging so lange gut, wie es genug billiges Öl gab. Aber mit dem Abnehmen der Fördermenge (von der OPEC, dem Kartell der Ölförderstaaten stets heruntergespielt und kaschiert) und gleichzeitig steigender Nachfrage ergibt sich eine hochproblematische Situation.
Ökonomisch ausgedrückt: Sinkendes Angebot, steigende Nachfrage – die Konsequenz ist klar und bedeutet explodierende Preise. Das ist es, was wir momentan erleben („Schock an der Zapfsäule“, weiß die BILD). Die Preise werden nie wieder sinken, sondern nur noch steigen. Ganz einfaches ökonomisches Prinzip.
Global betrachtet bringt das allmähliche Versiegen des Öls die Wirtschaft in enorme Bedrängnis. Die Antwort kann nur sein, die Abhängigkeit von dieser einen Ressource abzubauen. Leistungsfähige Alternativen gibt es – erneuerbare Energien.
Außerdem birgt das „Ölproblem“ ein riesiges Sicherhheitsproblem: Machtvolle Staaten könnten zur Sicherung ihres Zugangs zum Öl imperialisttische Instrumente anwenden – Kriege vom Zaun brechen, ein neuer Kolonialismus. Im Zuge dessen müssten auch kleinere Länder gezwungenermaßen zu Gewalt greifen, um nicht vollkommen chancenlos und ohne Öl zu bleiben. Ein Bilderbuch-Schreckensszenario.
Öl und die Weltwirtschaft: Eine gescheiterte Ehe, ein Dreamteam ohne Zukunft.
Eintrag abgelegt unter Hintergrundartikel. Tags: Öl, Ölpreis, Energie, Umwelt, Wirtschaft, Wirtschaftswachstum, Zukunft.
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1.
Lars Bennöhr | 25. Juni 2008 um 16:42
hübscher Artikel: hier jedoch ein kleiner Schönheitsfehler:
„Ökonomisch ausgedrückt: Steigendes Angebot, sinkende Nachfrage – die Konsequenz ist klar und bedeutet explodierende Preise.“ Hier ist wohl steigende Nachfrage und sinkendes Angebot gemeint.
Beste Grüße nach Hamburg
2.
greensocial | 25. Juni 2008 um 17:30
Danke für den Tipp – gleich korrigiert!
Viele Grüße!
3.
Öl und Gesellschaft - explosives Gemisch « | 28. Juni 2008 um 15:07
[...] « Öl und Wirtschaft – Dreamteam ohne Zukunft [...]
4.
NATO-Energiesicherheitspolitik « | 4. Juli 2008 um 17:17
[...] In einem zurückliegenden Post haben wir den Einfluss von Energiepolitik auf die Sicherheitslage beschrieben. Kann sich nun ein militärisches Bündnis wie die NATO offen der Energiepolitik zuwenden? [...]
5.
Hotte, der Kämpfer? « green.social blog | 2. Juni 2010 um 19:19
[...] wurde an dieser Stelle schon vor zwei Jahren kritisch [...]