Von der Hand in den Mund: Bedeutung intakter Ökosysteme
4. Juni 2008 at 18:57 Hinterlasse einen Kommentar
Im letzten Kurzeintrag haben wir die bekannte Wahrheit erwähnt, nach der die Übernutzung von Ökosystemen verantwortlich ist für massive Naturkatastrophen, zuletzt gesehen in Myanmar und China. Dass dies großes Leid nach sich zieht, bedarf keiner Erklärung.
Aber es geht um mehr: Denn gerade für die Ärmsten der Armen haben intakte Ökosysteme eine enorme Bedeutung. Die eigene Umwelt – Wälder, Äcker, Gewässer, Steppen, wie auch Tiere und Pflanzen – sind häufig ein wertvolles Mittel zum Lebensunterhalt. Wer sich nämlich kein Brot leisten kann, wird möglicherweise im Wald Wurzeln, Beeren und Früchte sammeln gehen. Er wird vielleicht einige wneige Pflanzen anbauen, mit deren kargen Ertrag er sich eben so - „von der Hand in den Mund“ – ernährt. Oder er wird Brennholz oder Heilkräuter sammeln, um diese Waren auf dem Markt zu verkaufen.
Hier gibt es also gleich mindestens zwei gute Argumente für Umweltschutz: Zum einen das „normale“ – die Biosphäre um uns hat einen guten Schutz verdient. Aber zum anderen hängt die Existenzsicherung für viele mit den Schutz dieser Umwelt zusammen!
Das ist nicht gut – aber wir haben nun einmal eine Situation, die manche Menschen der Welt zu „Verlierern“ macht (was natürlich abgeschafft gehört – wie, davon wird hier später die Rede sein). Zerstört man diesen nun auch ihren Lebensraum oder vergiftet mit einer Fabrik den Wald, in dem sie Beeren gepflückt hatten – so verdammt man sie endgültig in ein unwürdiges Dasein oder gar den Tod. Oder:
Ein Drittel der Weltbevölkerung hängt für Güter des täglichen Bedarfs vom unentgeltlichen Zugang zu den natürlichen Ressourcen direkt ab. Mit der Zerstörung von Naturräumen werden daher ihre Existenzrechte untergraben.
Und auch, was oben angesprochen worden ist, hat große Bedeutung: Empirisch ist hinreichend belegt, dass sich große Katastrophen unseres Zeitgeschehens auf die antrophogene (=Menschliche) Einwirkung zurückführen lassen.
Der Hurrikan „Katrina“ zum Beispiel, der über die USA fegte, entstand aufgrund der zunehmenden Erwärmung hoher Wasserschichten aufgrund des Klimawandels und globaler Erwärmung.
Größer noch ist das Leid, wenn solcherleich Geschehnisse über geringer ausgestattete Länder hereinbrechen – Burma, Birma oder Myanmar, gleich wie es heißt: Die Wassermassen und Katastrophen, die das Land getroffen haben, wurden durch jahrelange Treibhausgasemissionen etc. der Industrieländer mitverursacht! Auch hier zeigt sich wieder ein Zusammenhang: Zum einen wird die globale Vernetzung deutlich, die den Planeten und seine Prozesse umspannt. Zum anderen:
Von Katastrophen, die durch kaputte oder überlastete Ökosysteme hervorgerufen werden, sind die ausgesprochen armen Länder meist besonders betroffen.
Von der Betrachtung dieses Themas gelangt man schnell zu weitergehenden Fragen, die auch ethischer Natur sind: Wenn die Treibhausgase der Industriestaaten schuld an den Katastrophen sind, wer hat dann die Konsequenzen zu tragen? Ist es akzeptabel, dass die Entwicklungsländer die Zeche unseres jahrelangen und gedankenlosen Verbrauchs von Rohstoffen bezahlen? Nur weil wir über unsere Verhältnisse leben, müssen Arme leiden? Können wir Existenzrechte und -bedingungen der Einwohner von Entwicklungsländern untergraben, nur um unseres Wohlstands willen?
Überspitzt formuliert: Wollen wir für den Tod von etlichen Menschen verantwortlich sein, nur weil wir unseren Luxus behalten wollen?
Denn diesen Zusammenhang muss man herstellen: Immer wieder geraten Natur-Lebensräume armer Menschen in die Klauen der internationalen Märkte – einzig und allein Profitgier und dem Verlangen ferner Staaten wegen. Die Geschichte der Globalisierung ist gleichzeitig eine „Geschichte der Landnahme“, heißt es in einer Publikation: „Von Tee und Zuckerrohr bis Baumwolle und Kiwis: es werden Agrarsysteme aufgebaut, um den Tisch ferner Verbraucher zu decken.“
Schwerwiegende Eingriffe in den Naturraum sind nicht nur von ökologischer, sondern auch von wirtschaftlicher und gleichzeitig sozialer Bedeutung. (green.social)
Als Beispiel sei ein Wald gegeben: Er trägt zur Ernährung der Bevölkerung bei (sozialer Aspekt), sichert ihr ein schmales Einkommen durch Brennholzverkauf und gibt Arbeitern der Holzindustrie einen Job (wirtschaftliche Bedeutung) und er dient als Wasserreservoir und Lebensraum für seltene Arten (ökologische Funktion).
Wird dieser Wald nun gerodet – z.B., um energetische Pflanzen (vgl. Biosprit-Debatte) oder Soja (zur Viehmast) anzubauen, so gehen alle Vorteile verloren: Die Menschen können sich nicht mehr ernähren, es droht der Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommen, Artensterben setzt ein, vielleicht auch Desertifikation.
Und das alles nur, weil anderswo unbedacht konsumiert wird, Sprit verbraucht wird, Fleisch gegessen wird. Niemand muss deswegen zum Gutmenschen verkommen.
Aber darüber nachdenken wäre schon mal ein Anfang: Dass unser Konsum, das Leben anderer Menschen und eine gesunde Umwelt zusammenhängen. Dieser Zusammenhang ist der wichtigste und grundlegendste unserer Zeit.
Eintrag abgelegt unter Hintergrundartikel. Tags: Armut, Ökosystem, ökologie, Existenzminimum, Existenzrechte, Katastrophe, Konsum, Lebensraum, sozial, Umwelt.



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